Porträtfotografie

Fotografien von Menschen haben mich schon immer fasziniert, allen voran Porträtaufnahmen. Ein spontanes Lächeln, ein fesselnder Blick, eine nonverbale Botschaft. Die fotografische Auseinandersetzung mit Menschen gehört für mich zu den bereicherndsten Erfahrungen überhaupt. Ausserdem macht ein ungezwungenes Fotoshooting allen Beteiligten unheimlich viel Spass. Und wenn das Resultat obendrein beide Seiten befriedigt, umso besser.

Ich ziehe Aufnahmen, die in einem persönlichen Dialog zwischen Modell und Fotograf entstanden sind, solchen vor, die ohne das Wissen der Porträtierten sozusagen gestohlen wurden. Zwar können letztere unter extremeren Bedingungen entstanden sein und beim Betrachter stärkere Gefühle auslösen als erstere - Kriegsflüchtlinge beispielsweise, doch Schockeffekte interessieren mich nicht. Ich bin der Ansicht, der Fotograf muss nicht unsichtbar bleiben, sondern darf durchaus indirekt im Bild spürbar sein. Letztendlich soll sich eine gute Porträtaufnahme mit der porträtierten Persönlichkeit auseinandersetzen, begründet auf ehrlichem Interesse.

Der Weg zu einem guten Porträt ist nicht einfach: Dem Versuch, eine Persönlichkeit in wenigen Bildern einzufangen, steht die Lust an der reinen Aesthetik gegenüber, wenn nicht im Weg. Hinzukommt, dass eine Person auf einigen Bildern als gut getroffen gilt, andere scheinen eine andere Person zu zeigen. Ich schwanke zwischen der Verlockung, eine Person so zu zeigen, wie ich sie sehen will, und so, wie sie ist. Zuviel Manipulation jedoch birgt die Gefahr, dass eine Persönlichkeit auf eine blosse Modelliermasse reduziert wird wie in der kommerziellen Fotografie. Andererseits schränkt zuviel Objektivität die Kreativität ein.

Bei Porträtaufnahmen gehe ich genussvoll planlos vor, um die Natürlichkeit der Person und die Spontaneität des Aufnahmeprozesses nicht zu ersticken. Die Aufnahmen entstehen ausnahmslos im Freien und nur mit vorhandenem Licht, welches von einer grossen, hellen Fläche diffus reflektiert wird. Idealerweise entsteht dadurch in den Augen eine regelrechte Lichtexplosion.

Bei der Gestaltung einer Aufnahme suche ich durch eine strenge Reduktion aufs Wesentliche die Schönheit des Schlichten einzufangen. Kurze Teleobjektive helfen mir, den Fokus auf die Augen-, Nasen- und Mundpartie zu legen und alles andere auszublenden. Manchmal benutze ich kürzere Brennweiten, um mehr Kontext zu erfassen, doch der selektive Fokus bleibt. Zusammen mit einer ausbalancierten Asymmetrie und der Betonung diagonaler Elemente gehöhrt er zu meinen liebsten Gestaltungsmitteln. Ausserdem mag ich organische, fliessende Formen besonders gerne.

Der Einsatz von Schwarzweissmaterial ist mehr als nur ein Verzicht auf Farbe. Er unterstützt die Reduktion aufs Wesentliche -- Licht und Schatten -- und dient gleichzeitig als Experimentierfeld bei der Abstraktion von der Wirklichkeit.


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Letzte Änderung: 2. Januar 2001